Wie Eltern die Zeit nach der Frühgeburt verarbeiten
Die Frühgeburt eines Kindes ist für Eltern zweifelsohne eine emotionale Extremsituation. Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit stellen sich ein.Viele Eltern fühlen sich der Situation völlig ausgeliefert. Umso verwunderlicher erscheint es, dass sich bei vielen Eltern frühgeborener Kinder Schuldgefühle entwickeln, obwohl sie selbst die Situation als unkontrollierbar und willkürlich beschreiben. Trotz dieser Willkürlichkeit des Geschehens oder vielleicht gerade deshalb suchen Eltern nach Gründen für das nicht Verstehbare, nicht Kontrollierbare, und finden diese allzu oft bei sich selbst.
Viele dieser Selbstbeschuldigungen sind für einen Außenstehenden nicht nachvollziehbar.Sie aber einfach nur als unbegründet abzutun in dem gut gemeinten Versuch, die Eltern dadurch zu entlasten, wäre falsch. Man muss sich vielmehr fragen, woher diese Schuldgefühle kommen bzw. welche Funktion sie haben könnten. Oft sind Selbstbezichtigungen der Versuch, in einer völlig chaotischen, nicht mehr steuerbaren Situation Bedeutungszusammenhänge herzustellen, die dazu beitragen sollen, die Situation zu ordnen und wieder unter Kontrolle zu bringen. Somit hätten Schuldgefühle auch eine seelisch stabilisierende Funktion.
Keinesfalls können und sollen Schuldgefühle ausgeredet oder wegargumentiert werden, da hier nicht die rationale, sondern die emotionale Seite im Menschen angesprochen wird. Dieses subjektive Erleben ist für den Betroffenen so real, dass kein Verstandesargument die Gefühlsebene erreichen könnte.
In der Fachklinik Bromerhof nutzen wir den gruppentherapeutischen Effekt, um quälenden Selbstvorwürfen zu begegnen. Ähnliches Empfinden anderer Betroffener kann zu einer Entlastung von eigenen Schuldgefühlen beitragen – sieht der Einzelne doch vergleichbare Erlebnisweisen aus einem objektiveren Blickwinkel und kann diese, auf sich selbst übertragen, dementsprechend relativieren.
Die Gruppe übernimmt noch eine weitere wichtige Funktion: Die meisten Teilnehmer schildern, dass sie sich in ihrem subjektiven Erleben von der Gruppe verstanden fühlen, ohne sich lange erklären zu müssen. Allein dieses Gefühl, mit den eigenen Ängsten, Sorgen und eben auch Schuldgefühlen nicht alleine zu sein, ist für viele enorm entlastend. Schuldgefühle können so als dazugehörig empfunden werden und relativieren sich dadurch – auch wenn sie sicherlich nicht vollständig verschwinden.
Weitere News:
mehr >>
